QZ: 2010 wurde die Deutsche Akkreditierungsstelle (DAkkS) als vom Bund beliehene Stelle gegründet. Seither versucht sie den Spagat zwischen Aufsichtsbehörde und Dienstleisterin, was zuletzt für Unmut bei großen deutschen Wirtschaftsverbänden sorgte. Das Wirtschaftsministerium (BMWE) legte im Mai eine Reformagenda vor, die nun vom neuen Geschäftsführer der DAkkS umgesetzt werden soll. Die QZ sprach mit Dr. Torben Frank über die Herausforderungen eines Steuermanns auf Reformkurs.
QZ: Herr Dr. Frank, Sie waren ein Mann der ersten Stunde bei der DAkkS. Welche Erfahrungen haben Sie gerade in der Anfangsphase gemacht?
Torben Frank: Die Anfangsphase war extrem spannend, weil wir ja wirklich eine überwiegend private Tätigkeit, das Akkreditieren, aufgrund europäischer Vorgaben zu einer hoheitlichen Tätigkeit umgestalten mussten. Mit einem Set von hochmotivierten Leuten, die aber überhaupt keine Erfahrung mit dem Konstrukt einer Behörde hatten. Und diese Erfahrung mussten wir alle erst mal selbst sammeln.
Als einziger Jurist war ich damals sehr gefordert. Man hat gespürt, dass nicht nur wir uns neu orientieren müssten, sondern eigentlich das ganze Akkreditierungssystem. Das hat einige Zeit gedauert.
War das eine Phase, in der Sie schon geahnt haben, dass es auch Schwierigkeiten geben könnte?
Schwierigkeiten hat es von Anfang an gegeben, weil verschiedene Akkreditierungsstellen zusammengeführt werden mussten. Die haben alle unterschiedlich gearbeitet, waren teilweise eng mit ihren Gesellschaftern oder Kundinnen und Kunden verbunden. Die Akkreditierungslandschaft musste sich erst daran gewöhnen, dass man mit einer staatlichen Behörde ein anderes Setting hat. Ich würde sogar sagen, in ganz kleiner Dosis zieht sich das bis heute noch durch.
Die DAkkS stand ja von Anfang an auch in der Kritik: zu langsam, zu teuer! War das in Ihren Augen gerechtfertigt?
Diese Kritik muss natürlich anhand von Einzelfällen beurteilt werden. Was aber wichtig ist: Man hat mit der DAkkS eine inhaltlich und qualitativ hochwertige und vor allem über ganz Deutschland gleichwertige Dienstleistung geschaffen.
Es liegt auf der Hand, dass das nur begrenzt mit einigen alten Akkreditierungsstellen und deren Tätigkeit vergleichbar ist. Und dass es für die gesamte Akkreditierungslandschaft schwierig war und eine Gewöhnungsphase brauchte, das ist auch klar. Ich glaube aber, dass wir insgesamt – und damit meine ich das ganze Akkreditierungssystem – etwas Positives geschaffen haben.
Nichtsdestoweniger, vor einem Jahr haben VUP, BDI und TÜV eine Palastrevolution gestartet und Positionspapiere vorbereitet, in denen klare Reformforderungen standen. Wie haben Sie das empfunden?
Das habe ich gar nicht so mitbekommen, weil ich zu dieser Zeit nicht in der Akkreditierung aktiv war. Ich wurde erst im Nachhinein damit konfrontiert, als ich mich auf meine neue Aufgabe vorbereitet habe.
Es zeigt natürlich, dass Druck im Kessel ist, dass sich etwas ändern muss. Was ich positiv bei allen Einwürfen hervorheben möchte: Es wird immer betont, dass das ganze System neu aufgestellt werden sollte. Wir müssen an vielen Stellschrauben drehen. Das betrifft die DAkkS, keine Frage, aber es betrifft eben letztlich die ganze Akkreditierungslandschaft. Und nur mit dieser Einsicht können wir Probleme lösen.
Sie haben im Juni als neuer Geschäftsführer das Ruder der DAkkS übernommen und die Erwartungen an den neuen Kapitän, der nun auf Reformkurs gehen muss, sind hoch. Was sind denn Ihre persönlichen Ziele für die nächsten drei Jahre?
Ich möchte drei Ziele hervorheben: Da ist vor allem der Wunsch, ein Miteinander mit den interessierten Kreisen herzustellen. Sie in der Akkreditierung zu einer konstruktiven Zusammenarbeit zu bringen, sofern das nicht schon der Fall ist. Zweitens ist es natürlich enorm wichtig, die Digitalisierung und die Nutzung von KI in der DAkkS voranzutreiben. Und drittens müssen wir die DAkkS finanziell zukunftsfähig aufstellen.
Durchschnittlich 235 Tage dauerte es vom Abschluss der Begutachtung bis zur Akkreditierungsurkunde. Wie wollen Sie denn diesen Zeitraum verkürzen?
Diese Zahlen stammen aus dem Jahr 2024. Aktuell liegen wir bei der Hälfte der Zeit, also zwischen 112 und 118 Tagen. Das ist eine wesentliche Verbesserung! Vor allem, wenn Sie berücksichtigen, dass ein Teil dieser Tage auch für Korrekturmaßnahmen beim Kunden vorgesehen ist.
Es gibt immer Möglichkeiten zur Optimierung und wir werden das Thema Geschwindigkeit deshalb ständig im Blick behalten.
Auch das sogenannte Goldplating war ein zentraler Kritikpunkt der Verbände. Wie stellen Sie denn künftig sicher, dass europäische Vorgaben eins zu eins umgesetzt werden.
Die Themen Goldplating und Level Playing Field kann man nur an konkreten Einzelfällen diskutieren. Ich bin gespannt auf den Austausch mit den interessierten Kreisen. Es ist nämlich gar nicht so einfach, die Einzelfälle zu beurteilen. Und es ist natürlich auch Aufgabe der europäischen Gremien, besonders der European Co-operation for Accreditation (EA), vereinheitlichend oder ausgleichend einzugreifen. Da stehen wir gerne unterstützend bereit und sind in den Gremien schon jetzt sehr aktiv. Letztlich wird das nur durch intensiven Austausch und sachliche Debatten gelingen.
Klar, diese Reformen können nicht von heute auf morgen geschehen. Und den Austausch stelle ich mir auch nicht einfach vor. Mit wem stehen Sie denn auf europäischer Ebene in Verbindung?
Der zentrale Player ist die EA. Dort engagieren wir uns stark in den Gremien und Arbeitskreisen. Dadurch sind wir natürlich auch im engen Austausch mit unseren europäischen Kolleginnen und Kollegen.
Sie haben vorher schon die Digitalisierung als wichtiges Ziel angesprochen. Wo steht denn die DAkkS heute in Sachen Digitalisierung und was ist in naher Zukunft realistisch erreichbar?
Gerade bei der Digitalisierung haben wir bereits einiges erreicht. Das DAkkS-PORT ist inzwischen online und ich setze voll auf dieses Portal. Es trägt erheblich dazu bei, den Akkreditierungsprozess noch transparenter zu gestalten, sodass unsere Kundinnen und Kunden sehen können: Wo stehen wir denn eigentlich aktuell im Akkreditierungsverfahren? Oder möglicherweise: Wo hakt es?
Können Sie das DAkkS-PORT etwas näher beschreiben?
Es handelt sich um ein Portal, das Kundinnen und Kunden ermöglicht, vom Antrag über das Einreichen von Unterlagen, Abrufen von Berichten und letztlich auch das Abrufen der Akkreditierungsurkunde den ganzen Prozess digital zu erledigen! Denn das senkt natürlich die Handling-Kosten erheblich. Und wir sind gerade dabei, einen Bereich für Begutachtende zu schaffen, die dann eben auch ihre Unterlagen, die sie benötigen, herunter- und wieder heraufladen können. Damit gewinnt der Akkreditierungsprozess weiter an Geschwindigkeit.
Sie setzen auch auf KI: Welche Rolle könnte denn künstliche Intelligenz spielen?
Ich sehe da vor allem erhebliches Potenzial bei der Dokumentenanalyse. Akkreditierung ist ja zum großen Teil Dokumentenbearbeitung oder Dokumentenprüfung. Und dafür sind große Sprachmodelle (LLMs) grundsätzlich sehr gut geeignet.
Wenn wir auf die Kosten schauen: Die Stundensätze der DAkkS sind zuletzt gestiegen, die Overhead-Kosten auch. Wie wollen Sie diesen Trend stoppen, ohne die Qualität der Dienstleistung zu gefährden?
Grundsätzlich: Die DAKKS muss kostendeckend arbeiten. Und die Kosten sind, wie bei allen vergleichbaren Einrichtungen, in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Der Schlüssel zu einem guten Verhältnis von Dienstleistung und Kosten ist aus meiner Sicht weniger der Stundensatz, als vielmehr die Menge der anfallenden Stunden.
Die Kundinnen und Kunden bekommen bei uns eine komplexe, hochqualifizierte Dienstleistung. Da liegen wir vom Stundensatz her relativ normal. Außerdem sind die Stundensätze in der Gebührenverordnung verbindlich festgelegt.
Können Sie das auch den KMU, die ja häufig die steigenden Gebühren beklagen, so erklären?
Kleine und mittlere Unternehmen sind eine große Kundengruppe. Sie sollen natürlich eine gute und umfassende Leistung erhalten. Die Herausforderung ist auch hier, fair und kostendeckend abzurechnen. Eine gezielte KMU-Förderung wäre ein politisches Thema.
Ein Blick auf den Akkreditierungsbeirat: Der soll ja künftig stärker in Entscheidungen eingebunden werden, möglicherweise auch als Schiedsstelle. Wie wollen Sie die Rolle des AKB gestalten?
Zunächst müssen wir eine gute Gesprächsebene finden, um gemeinsam zu überlegen, was sinnvolle und für alle gewinnbringende Aufgaben des Akkreditierungsbeirats sein könnten. Wie wir diese Aufgaben ausgestalten, das müssen wir zusammen und zielorientiert diskutieren.
In der Reformagenda steht auch die Reform der EU-Akkreditierungsverordnung. Geht das in diese Richtung?
Die EU-Akkreditierungsverordnung beschäftigt sich ja mit grundlegenden Themen wie: „Akkreditierung ist eine staatliche Tätigkeit“ oder „kein Wettbewerb zwischen den Akkreditierungsstellen“. Da müssen wir sehen, wie sich das entwickelt. Was ich mir wünsche, ist etwas mehr Klarheit auf der europäischen Ebene.
Auch die Neugestaltung des Expertenrats steht auf der Reformagenda. Die Geschäftsführung soll die Effizienz prüfen, ein Konzept vorlegen, das Transparenz schafft. Das sind ja vermutlich Aufgaben, die Sie ganz persönlich betreffen?
Auf jeden Fall, gerade der Expertenrat! Sehen Sie es mir nach, wenn ich jetzt noch kein fertiges Konzept in der Tasche habe. Aber wir wollen das unbedingt zeitnah angehen.
Auch die Stärkung der Qualitätsinfrastruktur steht auf der Agenda. Das Wirtschaftsministerium unterstützt die Weiterentwicklung der Qualitätsinfrastruktur finanziell und politisch. Was kann man sich darunter konkret vorstellen?
Die Qualitätsinfrastruktur ist ein komplexes Zusammenspiel von Normung, Metrologie, Akkreditierung und eben Konformitätsbewertung. Auch da liegt eine der großen Herausforderungen.
Gemeinsam mit anderen Institutionen wie der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung, der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt und dem DIN sind wir Teil der Initiative „QI Digital“. Dabei geht es um die Digitalisierung des Gesamtsystems. Dabei sind schon sehr gute Lösungen entstanden, etwa der digitale Kalibrierschein, das digitale Akkreditierungssymbol und der digitale Produktpass. Ich glaube, wir sind hier auf einem guten Weg.
Der Bund, der BDI und auch drei Bundesländer sind Gesellschafter der DAkkS. Die haben teilweise unterschiedliche Interessen. Müssen Sie und können Sie diese Gemengelage managen?
Wir haben zu allen drei Gesellschaftergruppen einen guten Draht. Die Kommunikation läuft sehr gut, sodass sich diese drei Gesellschaftergruppen untereinander vor oder in den Gremien abstimmen und eine Position finden, die die DAkkS dann umsetzen kann.
Wenn Sie aus den 17 Punkten der Reformagenda drei herausgreifen sollten, welche wären das?
Erstens, dass wir das Gesamtsystem betrachten müssen, das ist wirklich wichtig. Zweitens, dass die Digitalisierung eine zentrale Aufgabe und ein zentraler Schlüssel ist. Und drittens, dass die DAkkS ihre Position zwischen Dienstleisterin und Aufsichtsbehörde hin zu einer zeitgemäßen Behörde mit Dienstleistungs- und Aufsichtsaufgaben weiterentwickelt. Das ist letztlich der entscheidende Punkt.
Die DAkkS als Enabler, als Förderer, als kundenorientierte Dienstleisterin?
Genau. Wobei es herausfordernd bleibt, dass die DAkkS auch ganz klassische Aufsichtsaufgaben hat. Und dieses Zusammenspiel von Dienstleistung und Aufsicht, das wollen wir nach außen klarer und transparenter gestalten.
Woran werden die Antragsteller in zwei Jahren erkennen, dass sich die DAkkS zum Positiven verändert hat?
Zunächst ganz klar an der Digitalisierung: Mit dem DAkkS-PORT haben wir bereits einen großen Schritt getan. Im Idealfall wird kein Papier mehr hin und hergeschoben. Zweitens an der Transparenz: Unsere Kundinnen und Kunden sollen sehen, wo sie aktuell stehen oder warum es vielleicht bei einem Thema mal hakt. Und drittens: Unsere Kundinnen und Kunden sollen sich bei uns als Dienstleisterin gut aufgehoben fühlen.
Die Verbände haben auch klare Messlatten formuliert. Was würde denn passieren, wenn die DAkkS nicht so schnelle Fortschritte macht, wie Sie sich das heute wünschen?
Da möchte ich nicht spekulieren. Ich glaube, dass sowohl wir als auch die Verbände an einer guten Zusammenarbeit interessiert sind. Und ich bin zuversichtlich, dass wir das schaffen.
Sie können jetzt als neuer Geschäftsführer einen ganz neuen Führungsstil an den Tag legen. Wie stellen Sie sich diesen Stil vor?
Wichtig ist erst mal hervorzuheben, dass hinter mir ein hoch motiviertes Team steht. Die brennen für Akkreditierung, haben gerade aber eine schwierige Zeit erlebt. Die Kritik an der DAkkS war massiv.
Ganz entscheidend ist es daher, das Miteinander intern als auch mit den Kundinnen und Kunden sowie interessierten Kreisen zu stärken, den gegenseitigen Respekt und den vertrauensvollen Umgang miteinander und mit allen Beteiligten zu fördern. Das ist mir sehr wichtig!
Letztlich müssen wir alle mit zahlreichen Veränderungen umgehen und die Leute motivieren, diese Veränderungen mitzutragen und sich entsprechend weiterzuentwickeln.
Das Gespräch führte Thomas Funck, QZ